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Das Zauberschloss
Es war einmal ein König, der hatte drei Söhne. Davon waren die beiden älteren klug, kräftig von Gestalt und schön von Angesicht. Der Jüngste aber galt als Dummling, war schwächlich und so häßlich, daß der König und die Brüder sich seiner schämten. Deshalb durfte er nicht im Schloß wohnen. Er mußte in einem Stall hausen und mußte täglich die Ziegen hüten. Jeden Tag hütete er die Herde am weiten Ufer des Meeres. Und er war sehr traurig, daß ihn niemand lieb hatte und daß er so häßlich war, daß sich alles von ihm abwandte.
Nun ging zu dieser Zeit eine Kunde über alle Lande, daß weit überm Meer im Reich der Sonne und des Mondes die Königin verzaubert wäre. Ihr Erlöser müßte über das Meer fahren und das Schloß dreimal umkreisen. Dieses Schloß aber war von wilden, schrecklichen Tieren bewacht. Und jeder Königssohn, jeder Fürst und jeder Ritter, der versucht hatte, die Königin mit Schwert und Lanze zu erlösen, wurde von ihnen zerrissen. Nun kam auch die Kunde in das Reich des Königs mit den drei Söhnen. Da sprach der Älteste: »Vater, rüstet mir ein Schiff, gebt mir prächtige Waffen, und ich werde die Königin im Sonnen- und Mondenreich erlösen.« Da ließ der König seinem ältesten Sohn ein herrliches Schiff rüsten mit seidenen Segeln, und er gab ihm Waffen mit goldenen und silbernen Verzierungen.
Und so segelte er übers Meer davon. Als er im Sonnen- und Mondenland angekommen war, bestieg er stolz sein Pferd, beachtete nicht die Menschen, die ihn am Wegesrand grüßten. Als er zum Schloß kam, erschrak er. Er konnte nicht mehr fliehen. Die wilden Tiere stürzten sich auf ihn und zerrissen ihn.
Als nun der älteste Königssohn nicht wiederkehrte, ließ sich der zweite ein großes, stattliches Schiff rüsten und ließ sich kostbare Waffen geben. Auch er bestieg stolz sein Pferd, als er an Land ging, und beachtete die Menschen nicht, die ihn freundlich grüßten. Genauso stolz und hochmütig betrat er das Sonnen- und Mondenreich wie sein Bruder. Und auch er wurde von den wilden Tieren zerrissen.
Als nun auch der zweite der Königssöhne nicht wiederkehrte, da ging der Jüngste, der häßliche Jao, zu seinem Vater und sprach: »Vater, hoher König, laßt auch mir ein Schiff rüsten, und wenn es auch der kleinste Kahn ist. Ich will versuchen, die Königin im Reiche der Sonne und des Mondes zu erlösen.«
Da rief der König: »Mach dich hinweg, du häßlicher Dummkopf! Wie kannst du es wagen, vollbringen zu wollen, was doch deinen schönen, stolzen und klugen Brüdern nicht gelang! Mach, daß du zu deinen Ziegen kommst!«
Die Höflinge feixten und verspotteten Jao. Traurig schlich er sich wieder an den Strand zurück und weidete dort die Ziegen. Da schwamm plötzlich ein riesiges Meeresgetier auf ihn zu. Er wußte nicht, war es ein Drache, oder war es ein Fisch. Das Geschöpf sprach zu ihm mit menschlicher Stimme: »Hab Vertrauen zu mir, Jao. Ich werde dich in das Reich der Königin bringen, und du wirst sie erlösen.«
Aber Jao weinte und sprach: »Ach, nein, ich habe doch keine Waffen, ich bin häßlich und werde von allen nur verspottet. «
Am nächsten Tage kam das Geschöpf wieder und sprach:
»Vertrau mir, Jao.« Aber dieser sprach wieder: »Ach nein, ich habe doch keine Waffen, bin häßlich und diene nur dem Gespött der Leute.«
Am dritten Tag kam das Meeresungeheuer wieder und sprach: »Vertraue mir, Jao.« Und als dieser sich wiederum weigerte, da verschlang ihn das Geschöpf einfach und spie ihn am Ufer des Reiches der Königin von Sonne und Mond aus. Er grüßte die Leute dort freundlich. Bald merkte er, daß sie ihn anstarrten und ihm verwundert nachschauten. Er dachte traurig, dies wäre wohl wegen seiner Häßlichkeit. Da aber riefen sie: »Seht doch den wunderschönen Jüngling, seht doch den strahlenden Ritter!«
Jao fragte sich, wo denn hier ein schöner Jüngling sei. Da kam er an einem Brunnen vorüber und erblickte sich selbst auf dem Wasserspiegel. Er war ein wunderschöner Jüngling geworden, so schön, daß Sonne, Mond und Sterne sich vor ihm verneigten. Waren seine Brüder schön, so war er tausendmal schöner als sie. Neben dem Brunnen aber wuchs ein schöner Rosenstrauch. Er pflückte eine Rose ab und ging zu dem Schloß. Als er dort anlangte, legten sich all die wilden Tiere vor ihm nieder und machten ihm ehrfurchtsvoll Platz. So durchschritt er dreimal unbeschadet den Gürtel, den sie gebildet hatten. Auf einmal ertönte wunderbare Musik, und die Tür des Schlosses öffnete sich. Heraus trat die Königin. Über ihrem Haupt trug sie die Sonne. Auf ihrer Stirn hatte sie den Mond, und über ihren beiden Schultern leuchtete ein Kranz von Sternen. Sie war nun erlöst, umarmte Jao und nahm ihn zum Manne.
Jao berührte nun mit der Rose all die Zerrissenen. Und alle Toten erwachten zu neuem Leben. Die beiden älteren Brüder segelten beschämt über das Meer zurück in ihre Heimat. Dort erzählten sie dem Vater alles. Jao und die schöne Königin herrschten in Frieden und in Freuden. Als der Vater und die Brüder sie besuchten, wurde ein Fest gefeiert. Der Wein floß in Strömen. Die besten Speisen wurden aufgetragen. Und ich wünschte, du und ich wären auch dabei gewesen.
Märchen aus Portugal, ausgewählt und neu erzählt von Sigrid Früh
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