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Viel und wenig
Es war einmal ein Mann, der hatte viel ... der hatte wenig.
Der hatte eine Arbeit, die er sehr liebte, eine Arbeit, wie ihr Männer sie
euch alle wünschen würdet - er war den ganzen Tag im Wald, hatte Zeit und
Muße, hatte keinen, der ihm sagte, wann er was tun musste, keinen über sich,
und seine Arbeit hatte obendrein noch einen Sinn.
Denn er war ein Holzsammler, ging jeden Tag in den Wald, um Holz zu sammeln,
konnte dabei im Herbst den Blättern beim Fallen zusehen, im Winter den
Schneeflocken beim Schweben, im Frühling den Bienen beim Honigmachen und im
Sommer den Erdbeeren beim Rotwerden. So liebte er seine Arbeit.
Und das ist viel.
Aber für diese Arbeit gaben sie ihm ganz wenig Geld, ganz wenig.
Er hatte sonst nichts gelernt, fand keine andre Arbeit, konnte gar nichts
andres tun. So wenig verdiente er mit seiner Arbeit, dass die Mägen seiner
Lieben des Nachts oft lauter knurrten, als die Eulen im Wald schrieen.
Sie hatten gar kein Geld und auch sonst nichts, nichts, rein gar nichts.
Und das ist wenig.
Der Mann, der hatte eine Frau, die er von ganzem Herzen liebte.
Und sie, sie liebte ihn!
Und das ist viel.
Aber obgleich sie schon viele Jahre verheiratet waren, hatten die beiden
keine Kinder, kein einziges.
Und das ist wieder wenig.
Der Mann, der hatte außerdem noch einen alten Vater. Das war ein Vater!
Ein Vater, wie wir ihn uns alle wünschen würden.
Er war klug, er war weise, er kannte viele, viele Geschichten und Märchen.
Obendrein war er aber noch zurückhaltend, und außerdem war er immer für den
Holzsammler da.
Und das ist viel.
Aber mit den Jahren war der Vater alt geworden, und mit dem Alter war er
blind geworden, sodass er nichts mehr sehen konnte, rein gar nichts, nichts.
Und das ist wenig.
Jeden Morgen ging der Holzsammler von seinen Lieben fort und in den Wald.
Und jeden Morgen ging er dabei an der Wiese der Gänsehirtin vorüber.
Jeden Morgen grüßte ihn die Frau so freundlich, dass es war, als ginge die
Sonne ein zweites Mal auf. Sodass der Holzsammler morgens gern zur Arbeit
ging!
Und das ist viel.
Eines Tages war er so zum Wald gegangen - Guten Morgen. Guten Morgen. -
Und hatte eben begonnen, Holz zu suchen, da hörte er eine Stimme, die rief:
“Schieb! Schieb!“
Er sah sich um, aber er konnte niemanden sehen.
Da hörte er noch einmal: “Schieb! Schieb!“
Er schaute, aber da war keiner. Doch dann hörte er zum dritten Mal:
“Schieb! Schieb!“
Nun endlich folgte der Holzsammler nicht mehr seinen Augen, sondern seinen
Ohren, und da sah er ... auf dem Boden des Waldes stand eine goldene
Kutsche, nur zwei Handbreit groß. In der Kutsche saß der Elfenkönig, ganz in
Grün gekleidet mit einer Krone voller Diamanten auf dem Kopf. Vor der
Kutsche waren - glaub es oder glaub es nicht - zwölf weiße Mäuse angespannt.
Hinter der Kutsche standen zwei Kröten. Das rechte Vorderrad der Kutsche
steckte im Schlamm fest.
Weshalb der Elfenkönig ein ums andere Mal nach hinten zu den Kröten rief:
“Schieb! Schieb!“
Und die beiden schoben und drückten, aber die Kutsche bewegte sich nicht.
Da lächelte der Holzsammler, beugte sich hinunter und ... gab der Kutsche
einen kleinen Schubs. Sodass der Elfenkönig vornüber fiel, die Krone fiel
ihm vom Kopf, die Mäuse verhedderten sich, die beiden Kröten fielen flach
aufs Gesicht, was bei einer Kröte nicht viel Unterschied macht.
Als aber der König sich wieder aufgerichtet hatte, schaute er zum
Holzsammler auf und meinte:
“Das war eine gute Tat! Dafür darfst du dir was wünschen. Ich, der
Elfenkönig, will dir einen Wunsch erfüllen!“
Damit ließ er die Mäuse sich wieder ordnen und fuhr mit der goldenen Kutsche
durch den Wald davon. Die beiden Kröten trotteten hintendrein.
Der Holzsammler freute sich - ein Wunsch ist viel.
Er setzte sich auf einen Baumstumpf und dachte nach.
Was, glaubst Du, fiel ihm als erstes ein?
“Ja, Geld und Gut, Reichtum und Überfluss, das werde ich mir wünschen“,
dachte er sich.
Aber dann fiel ihm ein, und ich frage Dich das gleiche:
Was nützt der größte Reichtum, wenn Du ihn niemandem vererben kannst?
“Nein“, dachte er sich, “ich wünsche mir lieber ein Kind, das wünschen wir
uns doch schon so lange.“
Aber dann fiel ihm ein:
“Wenn wir ein Kind haben und kein Geld ... ein Kind, das ist noch ein
hungriger Bauch, und haben wir zu dritt schon nicht genug, so haben wir zu
viert zu wenig.
Ich kann nicht mehr Holz sammeln und nicht mehr verkaufen.
Nein, nein, ich wünsche mir lieber Reichtum, Gold und Geld.“
Aber dann fiel ihm ein:
“Was nützt der größte Reichtum, wenn einer ihn nicht sehen kann?
Ach nein, ich wünsche mir lieber, dass mein Vater nicht mehr blind ist!
... Aber, wenn mein Vater wieder sehen kann und wir noch so arm sind wie
bisher, dann wird er nicht nur schmecken, wie dünn die Suppe ist, die wir
tagtäglich essen, er wird auch noch sehen, dass wir weniger besitzen als die
Ärmsten im Dorf,
dass unsere Kleider mehr aus Flicken denn aus Stoff bestehen.
Nein, ich wünsche mir lieber Reichtum, Überfluss und Güter. Aber ...“
Und so wurde aus dem guten Wunsch des Elfenkönigs für den armen Holzsammler
eine Qual, denn er konnte sich nicht entscheiden.
Ein Wunsch ist viel und doch so wenig für einen, dem so vieles fehlt.
Tief in Gedanken versunken und mit hängendem Kopf ging der Holzsammler nach
Hause. Als er an der Wiese der Gänsehirtin vorbei kam, wunderte diese sich,
denn sonst ging er immer schnellen Schrittes und fröhlich heim, weil er sich
auf seine Frau und seinen Vater freute. Da rief sie ihn an: “Nachbar, was
fehlt dir?“
Er erzählte ihr, dass ihm nicht etwas fehle, sondern er etwas zu viel habe,
das zu wenig sei, weil ihm so vieles fehle. Die Gänsehirtin dachte nach.
Dann flüsterte sie ihm etwas ins Ohr. Der Holzsammler lächelte nun, nein, er
strahlte, und dann lief, nein, er flog nach Hause. Vor der Tür seiner
ärmlichen Hütte blieb er stehen und sprach laut:
“Oh Elfenkönig, oh König der Elfen, oh Elfenkönig, ich wünsche mir, wenn ich
meine Hütte betrete, dass dort mein Vater steht, der auf sein Enkelkind
blickt, das in einer goldenen Wiege liegt.“
Englisches Märchen
Ausgewählt und neu erzählt von Frau Wolle
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