Die schlechte Mutter und ihr Buhle

Einmal, vor langer Zeit, lebte eine Witwe, welche einen jungen Burschen zum Sohn hatte. Alle Tage wenn der Sohn aus dem Hause und bei seinem Tagewerk war, kam ihr Buhle, ein junger schöner Taugenichts, um sich mit ihr auf schändliche Weise die Zeit zu vertreiben.
Dies blieb dem Sohn nicht lange verborgen und so schalt er seine Mutter und sprach:
„Trage Sorge, dass ich diesen unwürdigen  Kerl nicht noch einmal in unserem Hause sehe, so nicht, werde ich dich töten!“
Als die Mutter dies ihrem Buhlen berichtete,  sagte der voller Zorn: „ Wir wollen uns seiner entledigen. Stelle dich krank und sende deinen Sohn aus, damit er dir das Wasser der Unsterblichkeit hole. Dieses aber fließt zwischen zwei Bergen, welche sich beständig öffnen und schließen. Geht er dorthin und will das Wasser schöpfen, so werden ihn die beiden Berge erfassen und in ihrer Mitte zermalmen, und es hat ein Ende mit ihm. Also, dass er nicht länger zwischen uns steht und ich dich zur Frau nehmen kann“.
Die schlechte und hartherzige Mutter stimmte dem Plan ihres Buhlen zu, und als der Jüngling am Abend von seiner Arbeit nach Hause zurückkehrte, da fand er die Mutter krank daniederliegen.
„Was hast du Mutter?“ fragte er sie.  „Ach, mein liebes Kind, ich bin krank und der Arzt sagte, wenn ich nicht das Wasser der Unsterblichkeit bekomme, könne ich nicht wieder gesund werden.“
„Was ist da zu machen Mutter, ich werde also aufbrechen um dir das Wasser der Unsterblichkeit zu holen, vielleicht gelingt es mir und ich kehre wieder zurück.“
„So gehe nur mein Sohn,“ sagte darauf die schlechte Mutter.
Der Bursche ging, sattelte seinen Muli, und ritt davon. Auf seinem Weg begegnete er einer alten Frau, die fragte ihn: „ Wohin des Weges tapferer Jüngling?“
„Ich reite zu den beiden Bergen, um meiner Mutter etwas von dem Wasser der Unsterblichkeit zu holen!“
Diese Berge hatten die Eigenschaft, dass sie sich beständig öffneten und schlossen und nur ein schneller  Vogel konnte einen Schnabel voll Wasser erhaschen, ohne das ihn die Berge beim Wiederzusammengehen erfassten und zerquetschten.
Da sagte die Alte: „Es schmerzt mich, denn von dem Ort, an welchen du gehen willst, wirst du nicht mehr zurückkehren, mein Sohn.“
„Weißt du mir denn einen Rat?“ fragte sie der Jüngling.
„Reite so geschwind, als habe dein Muli Flügel und tauche den Krug so flink ins Wasser ein, als sei es der Schnabel eines schnellen Vogels. Machst du es so,  so werden die  Berge dich nicht erfassen und zermalmen können,“ antwortete  ihm die Alte.
Da ritt er munter darauf los und als er zu den beiden Bergen kam öffneten sich diese. Er aber schlug den Muli, dass dieser nur so dahinflog, und als sie über das Wasser kamen  tauchte er seinen Krug nur kurz ein,  und schon war er wieder zurück, noch ehe sich die Berge schließen konnten.
Er hatte aber eine Liebste, welche weise war und in die Zukunft sehen konnte. Auf seinem Rückweg ritt er  bei dieser  vorbei, um ein wenig zu rasten. Als der Jüngling einmal nicht Acht hatte, nahm sie schnell das Wasser der Unsterblichkeit an sich, und verwahrte es wohl. Dem Bursche aber füllte sie gewöhnliches Wasser, aus der Zisterne, in seinen Krug.
Wie er dieses seiner Mutter brachte und diese davon getrunken hatte sagte sie:
„Mein Kind, ich spüre es in meinem ganzen Leib wie wohl mir dieses Wasser tut. Sieh nur, es geht mir sogleich besser.“
Am anderen Morgen fühlte sie sich vollends geheilt. Es vergingen fünf bis sechs Tage, da kam der Mutter Buhle abermals zu ihr ins Haus.
„Ist dein verdammter Sohn zurückgekommen?“ wollte er von der Mutter wissen.
„Ja, er ist!  Was sollen wir nur jetzt mit ihm anfangen?“
„Sage ihm, er soll dir die Karpousie, die Wassermelone, der Unsterblichkeit bringen, welche der Riese Drakos, mitten im Wald, mit der einen Hand in den Himmel wirft um sie mit der anderen Hand, kurz vor dem Boden, wieder aufzufangen. Geht er dorthin, so kehrt er gewiss  nicht wieder.“
Nach fünf, sechs Tagen stellt sich die Mutter abermals krank.
„Mein Sohn, die Krankheit von der ich dachte, dass sie vorüber sei, ist zurückgekommen und der Arzt sagte, ich müsse von der Wassermelone der Unsterblichkeit essen, um wieder gesund zu werden.“
Wieder sattelte der Bursche seinen Muli und ritt davon. Auf seinem Weg begegnete ihm abermals  die Alte und fragte ihn:
„Wohin reitest du dieses Mal, mein Sohn?“
„Die Karpousie der Unsterblichkeit zu holen, denn meine Mutter ist krank und der Arzt hat ihr gesagt, dass sie nur durch den Genuss dieser wieder gesund werde,“ antwortete der Jüngling.
„Ach,“ sagte die Alte, „von dort, wo du hingehst, gibt es keine Wiederkehr.“
„Weißt du mir denn keinen Rat?“ fragte der Bursche.
„Mitten im Wald lebt der augenlose Riese Drakos. Den ganzen Tag wirft er die Karpousie mit der einen Hand zum Himmel um sie mit der anderen Hand, welche er tief am Boden hält, wieder aufzufangen. Dabei ruft er ohne Unterlass - Karpousie hinauf, Karpousie hinunter! - “.
„So will ich zum Riesen reiten,“ sagte der Bursche, und als er dort ankam hatte der Riese Drakos gerade die Karpousie wieder hoch in den Himmel geworfen. Der Jüngling trieb seinen Muli an und dieser flog flink wie ein Vogel dazwischen. Als die Karpousie im gleichen Augenblick herab fiel, ergriff sie der Bursche behänd, wendete sein Reittier und wollte davon reiten. Der Riese Drakos, der die Karpousie nicht fangen konnte, griff mit beiden Händen zu und hielt darin den Schweif des Mulis fest.
„Geschwind, hau mir den Schweif ab,“ sagte der Muli. Da ergriff der Bursche sein Schwert und schlug dem Tier den Schweif ab, so dass nurmehr ein Stummel übrig blieb. Danach konnte er dem Riesen Drakos entkommen.
Als sie so ihres Weges ritten, begann der Muli zu weinen und sprach:
„Alle Pferde haben einen Schweif, nur ich habe keinen mehr.“
„Weine doch nicht, mein Pferdchen, ich will dir einen goldenen schaffen,“ sagte der Jüngling tröstend.
Da ritten sie weiter und als sie zum Haus des Mädchens kamen, machte der Bursche abermals halt bei seiner Liebsten.
„So bist du also zurückgekehrt?“ fragte sie ihn.
„Zurückgekehrt und habe auch die Karpousie der Unsterblichkeit  mitgebracht,“ antwortete er.

Da nahm das Mädchen die Melone heimlich an sich und verwahrte sie wohl, in die lederne Satteltasche aber legte sie eine andere Wassermelone.
Als er danach zum Haus der Mutter kam, rieft diese:
„Bist du wiedergekommen, mein Sohn?“
„Ja Mutter!“  „Hast du mir die Karpousie  der Unsterblichkeit mitgebracht,“  wollte die Mutter wissen.
„Sei unbesorgt, ich habe sie.“
 Da stand die Mutter auf, holte ein Messer, und schnitt ein Stück aus der Melone und aß es. Kaum dass sie es gegessen hatte sagte sie zu dem Jüngling:
„Ach, mein Sohn, wie wird mir so leicht im Leib, als sei ich schon wieder gesund.“
„Möge es sein, wie du sagst“, sagte dieser, „dass ich nicht verwaist zurückbleibe, habe ich doch keine andere Mutter als dich und keinen Vater mehr.“
Am folgenden Morgen, der Bursche war wieder an sein Tagwerk gegangen, kam der Buhle der Mutter herbei.
„Ist er wieder zurückgekehrt?“ fragte er diese.
„Er ist“, gab sie ihm zur Antwort, „wie können wir ihn nur los werden?“
„Bade ihn morgen und spritze ihm dabei Seife in die Augen, so will ich mit einem großen Messer kommen und ihn töten,“ sagte der Buhle.
Die Mutter tat am anderen Tag wie ihr der Buhle geraten und so fand der Sohn seinen Tod. Den Leichnam aber zerschnitten sie und stecken die Teile in große Strohtaschen, welche sie dem Muli über den Rücken hängen. Kaum war dies geschehen, da lief dieser zum Haus des Mädchens.  Als diese den Dahingemetzelten sah, packte sie alle Körperteile, setzte sie zusammen und besprengte diese mit dem Wasser der Unsterblichkeit. Danach schnitt sie ein Stück aus der Karpousie  der Unsterblichkeit und steckte es dem Jüngling in den Mund, und sogleich kam wieder Leben in ihn.
„Ach, wie süß habe ich geschlafen, warum nur weckst du mich?“ fragte er das Mädchen.
Da erzählte sie ihm alles, was geschehen war. Der Jüngling, als er alles vernommen hatte,  sprang sogleich auf den Rücken seines Mulis und ritt nach Hause. Dort fand er die falsche Mutter schlafend mit ihrem Buhlen. Da zog der Bursche sein Schwert, trat hinzu und tötete beide mit einem gewaltigen Streich.
Als dies geschehen, kehrte er zu seiner Liebsten zurück und nicht lange darauf hielten  die beiden Hochzeit.
Sie aßen und tranken und haben gelacht, an mich aber hatten sie nicht gedacht.

Märchen aus Griechenland, übersetzt und bearbeitet von Heidi Holzmann

 

Wie so oft geht es auch hierin um das Wasser des Lebens, doch geht es in diesem Märchen um eine einmalige Besonderheit: Die Karpousie, also um die Wassermelone der Unsterblichkeit. Wie viele griechische Märchen ist es teilweise etwas grausam. Doch ist dies, gemessen an der Zeit und der herrschenden Moralauffassung jener Zeit, in welcher man sich noch immer des abends Märchen zur dörflichen Unterhaltung erzählte, durchaus landestypisch.

Heidi Holzmann