Der Kampf der Vulkanriesen um die schöne Pihanga

Vor langer, langer Zeit, als die Erde noch jung war und die Berge noch wanderten, wohnten drei Vulkanriesen in guter Nachbarschaft nebeneinander, im Land der grossen, weissen Wolke. Sie hiessen Taranaki, Ruapehu und Tongariro. Alle drei sahen herrlich aus und ihre Bergspitzen waren bedeckt mit ewigem Gletschereis. Der Grösste von allen war der altehrwürdige, weisshaarige Tongariro.
Die Vulkanriesen leben friedvoll nebeneinander, bis sich eines Tages alle drei in die hübsche kleine Bergprinzessin Pihanga verliebten. Ihr Berg lag ganz in der Nähe der drei Vulkanriesen. Sie hatte grüne Farne, Gräser und Blumen wie einen Federmantel um ihre zarten Schultern gelegt. Ihr Anblick war wunderschön.
Weil jeder der drei Vulkanriesen sie zur Frau haben wollte, gingen sie zu ihr und fragen: «Pihanga, jeder von uns liebt dich. Wen liebst du am meisten? Wen möchtest du zum Manne haben?» Doch Pihanga konnte sich nicht entscheiden. Sie wusste nicht, wen sie am meisten liebte und wen sie von den Dreien zum Manne nehmen sollte.
Da entbrannte unter den drei Vulkanriesen ein grosser Streit. Sie wollten um die Bergprinzessin kämpfen. Der Sieger sollte sie zur Frau bekommen. Tief im Innern der Vulkanberge begann ein dumpfes Grollen. Es wurde lauter und lauter und plötzlich spuckten sie grosse Felsbrocken gegeneinander durch die Luft. Wutentbrannt schleuderten sie unter lautem Donnergrollen schwarze Rauchwolken zum Himmel hinauf. Der zornige, klobige Ruapehu feuerte feuerrote, flüssige Lava gegen den wilden Taranaki. Der wurde schwer verletzt und musste sich tief verwundet zurückziehen. Er warf sich der untergehenden Sonne entgegen und schleppte sich bis ans Meer. Durch seine Flucht hinterliess er in der Erde eine tiefe Wunde. Doch der Riss füllte sich mit klarem Wasser. Daraus entsprang ein Fluss, der alle Wunden heilte. Den Ufern entlang zauberte er einen wunderbaren Wald herbei, voller Vogelgesang und Schönheit.
Ruapehu schleppte sich erschöpft zu Pihanga. Doch die Bergprinzessin war nicht an ihrem gewohnten Platz. Sie war verschwunden. Ruapehu rief nach ihr. Doch all sein Rufen und Locken nützt nichts. Er konnte sie nicht finden. Verbittert setzt sich der Vulkanriese hin und pflegte seine Wunden.
Während sich die beiden Hitzköpfe mit Steinsbrocken, Rauchwolken und feuriger Lava bekämpften, entschied sich Pihanga für den altehrwürdigen, weisshaarigen Tongariro. Ihm sollte ihr Herz gehören. Ihn wollte sie zum Manne nehmen. Und so haben sich Tongariro Vulkanriese und die schöne Bergprinzessin Pihanga vermählt und Treue geschworen. Sie leben noch heute glücklich zusammen.
Der verschmähte Taranaki hüllt heute noch seinen Gipfel in Regenwolken, wenn er um seine ferne geliebte Bergprinzessin trauert. Seine Tränen mischen sich in den Fluss, der durch seine Flucht entstanden ist. Er hofft, dass seine Regenwolken manchmal vom Wind zu Pihanga getragen werden und ihren Federmantel aus Farn, Gras und Blumen sanft bewässern.

Maori-Legende
Ausgewählt und neu erzählt von Susanne Stöcklin-Meier