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Das Barthaar des Tigers
Es war einmal eine junge Frau, die allein in ihrem Haus nahe bei einem Wald lebte, weil ihr Mann zum Kriegsdienst einberufen worden war. Nach Jahren kam der Mann endlich nach Hause zurück, aber er war nicht mehr derselbe Mensch. Er war böse und verbittert und weigerte sich, sein Haus zu betreten, denn er wollte allein sein und auf dem steinigen Boden schlafen, wie er es vom Krieg her gewohnt war.
Seine Frau aber war sehr glücklich, dass er gesund und heil wieder da war. Sie putzte und schmückte das Haus, sie kochte, backte und briet und trug die blumenverzierten Gerichte hinaus in den Wald zu ihrem grollenden Ehemann. Schüchtern kniete sie an seiner Seite nieder und hielt ihm ein duftendes Tabeltt mit Leckerbissen entgegen. Der Mann sprang auf, trat das Tablett mit dem Fuss aus der ausgestreckten Hand und brüllte: «Lass mich alleine, Frau!» Damit kehrte er ihr den Rücken zu und wollte kein Wort mehr hören. Das geschah ein ums andere Mal, und schliesslich lief die junge Frau angsterfüllt von dem Ingrimm des Mannes zu der Berghöhle der Geistheilerin am andern Ende des Dorfes.
«Kannst du mir ein Mittel gegen den furchtbaren Zorn meines kriegsverletzten Mannes geben?» flehte die Unglückliche. «Er will nicht essen, noch in das Haus kommen, noch will er mich lieben wie zuvor. Gibt es etwas, das ihn besänftigen und zur Besinnung bringen könnte?»
«Ja», sprach die Heilerin. «Es gibt ein Mittel. Aber um es herzustellen, brauchen wir ein Barthaar des Tigers. Wenn du mir das bringen kannst, dann kann ich dir helfen.»
Manch eine Frau wäre verzagt gewesen, ein solche Bedingung zu erfüllen, aber nicht diese, denn sie war von Liebe erfüllt. Noch in derselben Nacht bereitete sie alles für ihre Reise vor, und am Morgen begann sie, den Berg zu besteigen. Sie fand die Höhle des Tigers und stellte so dicht wie möglich eine Schale Reis und ein Stück Fleisch vor den Höhleneingang. Dann versteckte sie sich hinter einem Busch und beobachtete, wie der Tiger aus der Höhle kam, vorsichtig an der Schale schnüffelte und sie dann leer frass. In der folgenden Nacht kehrte sie mit einer weiteren Schale Reis und Fleisch zurück und blieb wiederum in einigem Abstand stehen, um zuzusehen, wie der Tiger den Inhalt der Schale verschlang. Nacht für Nacht kehrte sie nun mit einer Schale voll Reis und Fleisch zurück und rückte jedes Mal näher an die Stelle heran, wo sie sie abgesetzt hatte. Dabei sprach sie dem Tiger mit sanfter, freundlicher Stimme zu, bis sie sich ihm eines Nachts so näherte, dass sie ihn tatsächlich berühren konnte. Da zog sie rasch ein Scherchen aus der Tasche, schnitt dem Tiger ein Barthaar ab. So rasch ihre Füsse sie trugen, das Barthaar fest umklammert, ging sie den Berg hinab bis zur Höhle der Heilerin. „Ich habe es, ich habe es!“ rief sie schon von weitem. Ausser Atem hielt sie die Hand mit dem Barthaar in die Höhe und keuchte: « Jetzt kannst du das Heilmittel für meinen Mann zubereiten!»
«Gut», sprach die Heilerin und blickte prüfend in das Gesicht der atemlosen Frau. Dann nahm sie das Barthaar, betrachtete es einen Moment lang und warf es dann ins Feuer, wo es zischend verglühte.
«Was hast du getan?» rief die Frau. «Du weißt nicht, was ich durchstehen musste, um dieses Barthaar zu bekommen!» Und sie begann schluchzend zu erzählen, wie sie zuerst die Höhle des Tigers gefunden hatte und Nacht für Nacht dem Tiger Essen gebracht hatte, bis sie schliesslich dicht genug an das Tier herangekommen war, um das begehrte Barthaar abzuschneiden. «Und jetzt», schloss sie, «ist alles umsonst.»
«Beruhige dich», antwortete die Heilerin. «Es ist alles gut und richtig so. Erinnerst du dich an jeden Schritt, während du den Berg erklommen hast? Weißt du noch, was du getan hast, um den Tiger zu besänftigen?»
«Ja», sagte die Frau. «Ich werde es nie vergessen.»
Die alte Heilerin lächelte und sagte. «Nun denn, meine Tochter. Geh zu deinem Mann zurück, denn du weißt, was du tun musst.»
Märchen aus Korea, ausgewählt und neu erzählt von Djamila Jaenike
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